Lützowstraße

Die Lützowstraße ist eine Anliegerstraße im Stadtteil Gohlis. Sie hat den amtlichen Straßen­schlüssel 07020.

Verlauf

Die 1 228 Meter lange Straße beginnt an der Gohliser Straße (bis 2011 an der Nordecke des Kirch­platzes) und führt zunächst geradlinig in eine nord­nord­östliche Richtung. Dabei nimmt sie die nach Norden führende Friedens­straße (bis 1907 »Anton­straße«) sowie die etwas später die von Süden kommende Richter­straße (bis 1896 »Sidonien­straße«) auf, nimmt in einer gemeinsamen Kreuzung die von Osten kommende Erfurter Straße (1879–1904 »Albert­straße«) und die nach Westen führende Eisenacher Straße (1879–1904 »Lange Straße«; beide bis 1879 Trasse der Thüringer Eisenbahn) auf. Nachdem sie noch die nach Westen führende Gothaer Straße (spätestens 1872 bis 1907 »Stift­straße«) entsendet hat, kreuzt die Lützow­straße die Georg-Schumann-Straße (1909–1921 »Äußere Hallische Straße«, 1922–1945 »Hallische Straße«), auf der seit 1891 die Möckernsche Straßenbahn­trasse verkehrt. – An dieser Kreuzung wendet sich die Straße in eine etwas östlichere Richtung, was auf den ursprünglichen Namenswechsel an dieser Stelle hinweist.

Im weiteren Verlauf kreuzt die Straße die Blumenstraße (1885–1904 »Untere Blumenstraße«) und nimmt die von Osten kommende Blochmannstraße auf, wo bis 1904 die Trasse der Thüringer und Magdeburger Eisenbahn verlief. Dann unterquert sie auf zwei separaten, unterschiedlich hohen Brücken die Magdeburger und Thüringer Eisenbahn. – Im weiteren Verlauf nach Nordosten nimmt sie die von Südosten kommende Wilhelm-Sammet-Straße (1882–1963 »Bleichert­straße«) auf, entsendet in eine gemeinsamen Kreuzung die nach Westen führende Benedix- und die nach Norden führende Virchow­straße (bis 1899 ein Teil der Feld­straße), nimmt die von Südosten kommenden Rückert- und Lenau­straße auf, kreuzt die Dinter­straße und mündet schließlich in die Coppi­straße (1896–1950 »Lothringer Straße«). – Die geradzahligen Hausnummern befinden sich auf der südöstlichen Straßenseite. Seit dem 1. Juli 1993 ist die Straße auf die Postleitbezirke 04155 (Nr. 1–17 und 2–32) sowie 04157 (Nr. 19–33 und 34–66) verteilt.

Geschichte

Die Straße besteht aus drei verschiedenen Abschnitten, die schrittweise im Dorf Gohlis angelegt und später vereinigt wurden.


Augusta1)

Der älteste Abschnitt zwischen Kirchplatz und Georg-Schumann-Straße wurde erstmals in einem Adressbuch 1866 (aber noch nicht 1863) genannt: er hieß damals Augustenstraße (Auguſtenſtraße).? Mit diesem Name sollte mit einiger Wahrscheinlichkeit an die Prinzessin von Sachsen Maria Augusta (1782–1863) erinnert werden; jedenfalls erschienen gleichzeitig in unmittelbarer Nähe auch die Anton- und Sidonienstraße, die ebenfalls nach kürzlich verstorbenen An­gehörigen des sächsi­schen Königshaus benannt waren.

Der mittlere Abschnitt der Straße zwischen Georg-Schumann- und Blochmann­straße hieß zunächst Eutritzscher Straße (Eutritzſcher Straße). Er war als Richtungs­straße benannt, da diese Straße damals direkt in die Nachbar­gemeinde Eutritzsch führte. Diese Straße wurde 1866 noch nicht genannt, erscheint aber erstmals auf Eberts Karte, die um 1872 gezeichnet wurde. – Schon am 25. März 1875 wurde die Eutritzscher Straße an die Augusten­straße angeschlossen.

Der letzte Abschnitt zwischen der Eisenbahn­unterführung und der Coppistraße existierte zunächst nur bis zum heutigen Abzweig der Virchowstraße und gehörte faktisch mit zu dieser. Er erscheint erstmals in einem Adressbuch von 1880 als Feld­straße (Feldſtraße). Auf dem nebenstehenden Stadtplan von 1895 ist schon die Absicht zu erkennen, den kurzen Teil der Feld­straße bis zum Richtungs­wechsel nach Norden weiter geradlinig nach Nordosten (quer durch die Wachstuch­fabrik hindurch) zu verlängern; das letzte Stück einschließlich der heutigen Coppi­straße ist bereits mit einer unter­brochenen Strich­linie angedeutet.

Als am 1. Januar 1890 die Gemeinde Gohlis in die Stadt Leipzig eingemeindet wurde, gab es hier die beiden Straßen­namen »Augusten­straße« und »Feld­straße« bereits. Deshalb wurden Umbenennungen nötig.


Kaiser Friedrich3)

Am 11. November 1899 wurde beschlossen, die Gohliser Feldstraße am »Knick« zu trennen (vgl. Bekannt­machung im Leipziger Tageblatt vom 3.12.1899, Seite [5]). Das kurze, in nordöstliche Richtung verlaufende Stück wurde mit der bisherigen Gohliser Augusten­straße vereinigt und gemeinsam in Kaiser-Friedrich-Straße (Kaiſer-Friedrich-Straße) umbenannt. Damit entstand der heutige Straßenzug. (Der längere, nach Norden führende Teil der Feld­straße erhielt dabei den Namen »Pariser Straße« und heißt heute Virchowstraße.) – Mit dieser Benennung wurde erneut an den Hohenzollern Friedrich Wilhelm (1831–1888) erinnert (auch die beiden Kronprinz­straßen ehrten ihn), der im Jahre 1888 als »Friedrich III.« für 99 Tage deutscher Kaiser war.

Am 5. Oktober 1911 nahm die Große Leipziger Straßenbahn (GLSt) ihre Nordgohliser Straßenbahn­trasse in Betrieb, die am Kirchplatz von der Gohliser Straßenbahn­trasse abzweigte, die Kaiser-Friedrich-Straße bis zum Abzweig der Pariser Straße befuhr und dort nach Norden abbog. Hier verkehrte zunächst die Linie »D«, ab 25. Mai 1912 die Linie »G«.

Bei der politischen Massenumbenennung vom 1. August 1945, die unter dem Motto »Ehre den sozialistischen Vorkämpfern! Ehre den Opfern der Barbarei!« stand, erhielt die Kaiser-Friedrich-Straße den Namen Viktor-Adler-Straße (Viktor-Adler-Straße). Damit wurde der österreichische Arzt und Sozial­demokrat Victor Adler (1852–1918) geehrt. Gleichzeitig wurde die Potsdamer Straße nach seinem [lebenden!] Sohn Friedrich umbenannt.

Knapp acht Jahre später, am 1. Mai 1953, wurde die Straße schon wieder umbenannt. Die bisherige Viktor-Adler-Straße erhielt nun den Namen Lützow­straße (Lützow­ſtraße). Gleichzeitig verlor auch die Friedrich-Adler-Straße wieder ihren Namen.

Von 1863 bis 1950 trug eine ganz andere Straße, die heutige Niederkirchner­straße in der Südvorstadt, den Namen »Lützowstraße«!   (Leider keine Ausnahme…)


A. v. Lützow5)
Die Benennung nach dem preußischen General Adolph Freiherr von Lützow (1782–1834) ist um so erstaunlicher, als dieser nur zweieinhalb Jahre vorher, bei der politischen Massen­umbenennung vom 1. November 1950, gerade erst aus dem Stadt­bild getilgt wurde. Die Verordnung der DDR-Regierung vom 30. März 1950 forderte: »Straßen, […] die nach Personen […] benannt sind, die mit mili­ta­ristischen, faschistischen oder antidemokratischen Handlungen in Verbindung stehen, sind bis zum 31. Juli 1950 umzubenennen.« – Offen­sichtlich unterstellte man Lützow 1950 »militaristische«, als Freiherr vielleicht auch »anti­demokratische« Handlungen, aber was hatte sich 1953 geändert?

Bei der Einführung der Kommunalen Gliederung der Stadt Leipzig zum 18. März 1992 wurde die Straße auf die Ortsteile 90 Gohlis-Süd (Nr. 1–17 und 2–32) sowie 91 Gohlis-Mitte (Nr. 19–33 und 34–66) verteilt.

Am 18. Mai 2011 wurde beschlossen, den ca. 85 Meter langen Nordwest­rand des Kirch­platzes mit zur Lützow­straße zu ziehen. Gleichzeitig wurde der Südwest­rand des Kirch­platzes zur Gohliser Straße gezogen. Beide Umbenennungen traten am 5. Juli 2011 in Kraft; seitdem beginnt die Lützow­straße am Nord­ende der Gohliser Straße. Welche Sach­gründe diese Änderung des fast 150 Jahre alten, aber funktionierenden Zustandes nötig machen, wurde nicht mitgeteilt.

Literatur

 1) Abbildung aus: Sokołowski, August: Dzieje porozbiorowe narodu polskiego ilustrowane. Teil 1, Warschau 1904, Seite 374
 2) Abbildung aus: Gaebler, Eduard: Leipzig und Umgebung. Leipzig 1895. Seite [61]
 3) Abbildung aus: Gaedertz, Karl Theodor: Dreihundert Bildnisse und Lebens­abrisse berühmter deutscher Männer. Leipzig: Georg Wigand, [1890]. Seite 297
 4) Abbildung aus: Illustrirte Zeitung (151)1918, Seite 608
 5) Abbildung aus: Gaedertz, Karl Theodor: Dreihundert Bildnisse und Lebens­abrisse berühmter deutscher Männer. Leipzig: Georg Wigand, [1890]. Seite 205
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