Das Alte Rathaus

Das Alte Rathaus ist ein historisches Gebäude im Zentrum der Leipziger Altstadt. Bis 1905 befand sich hier der Sitz der Leipziger Stadtverwaltung.

Lageplan

Es befindet sich an der Ostseite des Marktes, die es fast vollständig einnimmt, zwischen dem Salzgäßchen im Norden, dem Naschmarkt im Osten und der Grimmaischen Straße im Süden. Es führt die Adressen Markt 1 und (seit 1910) Salzgäßchen 2.

Das Gebäude wurde in den Jahren 1556 / 1557 (Grundsteinlegung am 11. Februar 1556; Fertigstellung am 5. August 1557) durch die Ratsmaurer und Steinmetzen Paul Speck († 1557) und Paul Wiedemann unter Leitung des Leipziger Ratsbaumeisters und Bürgermeisters Hieronymus Lotter (1497–1580)1) durch teilweisen Abbruch und Umbau des kleineren mittelalterlichen Rathauses und weiterer Gebäude im Renaissance-Stil errichtet. Lotter selbst berichtet am 14. September 1573 eine noch kürzere Bauzeit: »Danach hab ich [...] das alte Rathaus laßen einreißen und zum Teil die alten Gründe und etzlich Mäuerwerk zu Hülffe genommen und [...] solch Rathaus, wie es ietzo steht, in neun Monat, daß solches wieder zu bewohnen gewest, gar auserbaut [...]«

Andere Quellen behaupten, dass schon zur Michaelismesse 1556 die Gewölbe im Erdgeschoss wieder vermietet wurden. – Die Baukosten betrugen damals 17.934 Gulden, 7 Groschen und 8 Pfennige.


Briefmarke von 1965

Bei diesem Umbau entstand ein langgestrecktes zweigeschossiges Gebäude, das 24 Fensterachsen breit, aber nur 4 Fensterachsen tief ist. Über je drei Achsen wurde im Dachaufbau ein zweigeschossiger Zwerchgiebel angeordnet: insgesamt sieben an der Ostseite (zum Naschmarkt) und sechs an der Westseite (zum Markt). An Stelle des fehlenden Zwerchgiebels am Markt befindet sich in der 10. Achse ein Turm mit achteckigem Grundriss, der die Westfassade des Rathauses im Goldenen Schnitt teilt, die Ostseite des Marktes aber ungefähr halbiert. Unter dem Turm befindet sich das Hauptportal, das in einen Durchgang führt, der den Markt mit dem Naschmarkt verbindet. An den Stirnseiten wird das hohe Dach durch fünfstöckige Staffelgiebel abgeschlossen.

Die Fenster- und Simsgewände der Fassaden sind in rotem Rochlitzer Porphyrtuff ausgeführt, während die übrigen Wandflächen glatt verputzt und in einem hellen Gelbton gestrichen sind.

Im Erdgeschoss wurden 40 Gewölbe angelegt, die Kaufleuten und Krämern als Läden und Niederlagen dienten. Im Obergeschoss und in den Dachgeschossen entstanden 28 Stuben, die vor allem vom Rat genutzt wurden. Hervorzuheben ist der große Festsaal im Obergeschoss, der aus der Ratsdiele hervorging.

Am 10. September 1558 erhielt der Rathausturm eine Glocke, die als Rats- oder Bürgerglocke bezeichnet wurde.

Im Jahr 1564 wurde über dem vorgesetzten Haupteingang ein um den halben Turm laufender hölzerner überdachter Altan angebaut.

Im Jahr 1599 wurde das Rathaus renoviert. Dabei erhielt der Turm für 500 Gulden eine Schlaguhr des Annaberger Uhrmachers Georg Werner. Außerdem wurde in Höhe des zweiten Dachgeschosses ein eiserner Austritt angebracht, von dem aus die Stadtpfeifer täglich spielten.

Bei einer erneuten Restaurierung des Gebäudes im Jahr 1672 wurden vor den Gewölben im Erdgeschoss auf der Marktseite hölzerne Arkaden angebaut, die den Verkaufsraum erweiterten und im Volksmund »die Bühnen« genannt wurden. Außerdem wurde unterhalb des Traufgesimses ein Schriftband aufgemalt, das um das gesamte Gebäude läuft und damit vielleicht weltweit die längste Inschrift dieser Art darstellt. Der Text lautet:

NACH CHRISTI UNSERS HERRN GEBURT IN MDLVI IAHR BEY REGIERUNG DES DURCHLAUCHIGSTEN UND HOCHGEBOHRNEN FURSTEN UND HERRN AUGUSTI HERZOGEN ZU SACHSEN DES HEIL. RÖM. REICHS ERTZMARSCHALLN UND CHURFÜRSTENS LANDGRAFFENS IN THÜRINGEN MARGGRAFFENS ZU MEISSEN UND BURGGRAFFENS ZU MAGDEBURG IST INDISER STADT ZUR BEFÖRDERUNG GEMEINES NUTZENS DIESES HAUS IM MONATH MARTIO ZU BAUEN ANGEFANGEN UND DASSELBE IM ENDE DES NOV: VOLBRACHT DEM HERRN SEY ALLEIN DIE EHRE DENN WO DER HERR DIE STADT NICHT BAUET SO ARBEITEN UMSONST DIE DARAN BAUEN WO DER HERR DIE STADT NICHT BEWACHET, SO WACHET DER WÄCHTER UMSONST DES HERRN NAHME SEY GEBENEDEYET EWIGLICH AMEN. BEY CHURF. JOH. GEORG II. HOCHLOEBL. REGIERUNG RENOV. MDCLXXII.

Im Jahr 1734 ließ der Rat der Stadt den Bauzustand des Rathauses durch den Dresdner Barock-Baumeister George Bähr (1666-1738) begutachten.

Im Jahr 1744 wurde der Rathausturm unter Leitung von Baumeister Christian Döring (1677–1750) aufgestockt. Er ist heute 40 Meter hoch. Gleichzeitig erhielt der Turm mit einer barocken Haube (die nur als Rekonstruktion erhalten ist) seinen heutigen Abschluss. – Ursprüngliche Pläne, das Rathaus um zwei Etagen aufzustocken und zwei weitere Türme anzubauen, wurden nicht realisiert.


Ansicht Vollbild

Seit der Erbauung des Neuen Rathauses an Stelle der früheren Pleißenburg in den Jahren 1899 / 1905 wird das Gebäude am Markt als Altes Rathaus bezeichnet. Entgegen ursprünglichen Plänen, das Alte Rathaus abzubrechen und das Grundstück neu zu bebauen, beschloss2) die Ratsversammlung am 29. März 1905 die Erhaltung und Sanierung des Renaissance-Baus sowie dessen künftige Nutzung als Stadtgeschichtliches Museum. Am 30. August 1905 fand die letzte Sitzung des Rats im Alten Rathaus statt.

Von 1906 bis 1909 erfolgte eine grundlegende Sanierung des Gebäudes unter Leitung des Stadtbaurats Otto Wilhelm Scharenberg (1851–1920), wobei die ursprüngliche Substanz zum Teil erheblich verändert wurde. So wurde unter anderem die hölzerne Arkade an der Ostseite in Stein ausgeführt und bis vor den Südgiebel verlängert. Die ursprünglich auf den Putz gemalte Inschrift unter dem Traufgesimses wurde durch ein Band aus Messingbuchstaben ersetzt. Außerdem entstand je ein Brunnen im Durchgang (»Badender Knabe«) sowie an der Marktfassade (»Badendes Mädchen«).

Im Jahr 1911 wurde das Stadtgeschichtliche Museum im Alten Rathaus eröffnet.

Beim Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 wurde das Alte Rathaus teilweise zerstört; der Turm und das Dachgeschoss brannten aus. In den Jahren 1946 / 1948 wurde das Gebäude wieder aufgebaut.

Literatur

Fußnote:
 1) Der Leipziger Rechtsanwalt Wolfram Günther (* 1977) reduziert - im Gegensatz zu den bisherigen Darstellungen - Lotters Bedeutung auf seine bauleitende und organisatorische Tätigkeit und spricht ihm jeden gestalterischen Einfluss ab.
 2) die Abstimmung fiel allerdings mit 31 gegen 31 Stimmen unentschieden aus; entscheidend war deshalb die »goldene« Stimme des Vorstehers der Stadtverordneten, Dr. Junck. – Der »sorgfältig recherchierte Beitrag« zum Alten Rathaus im Stadtlexikon Leipzig von A bis Z verlegt auf Seite 16 diese Abstimmung ins Jahr 1904 und behauptet eine »Mehrheit von nur einer Stimme«.
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