Volkmarsdorfer Straßenhäuser

Die ehemalige Gemeinde Volkmarsdorfer Straßenhäuser (Volkmars­dorfer Straßen­häuſer)? war von 1839 bis 1882 eine selbstständige Gebietskörperschaft östlich von Leipzig. Sie war ungefähr 0,8 Hektar groß.

Der Ort bestand aus einer einzigen, ca. 310 Meter langen Häuser­zeile, die sich auf der linken Seite der Wurzner Straße befand. Sie begann am Abzweig der heutigen Hermann-Liebmann-Straße und endete am Abzweig der heutigen Torgauer Straße (bis 1892 »Tauchaer Straße«) mit einem Chaussee­haus. Es gab 16 Flurstücke, wobei die Nr. 5 mit drei Häusern, die Nr. 11 mit zwei Häusern bebaut war, so dass der Ort insgesamt 20 Häuser umfasste. Zwischen der Nr. 7 und der Nr. 8 führte ein schmaler Durchgang (»Schlippe«) nach Volkmarsdorf.

Eine erste Erwähnung findet sich in den Kirchenbüchern der Pfarrei Schönefeld, zu der die neuen Straßenhäuser bei Volkmarsdorf im Jahre 1712 gepfarrt wurden. Sie müssen also kurz vorher angelegt worden sein, da damals kein einziges Haus ohne zugehörigen Pfarr­bezirk bleiben konnte. Vielleicht gehörten sie zuvor aber auch direkt zum Rittergut Volkmarsdorf (das ebenfalls nach Schönefeld gepfarrt war), und wurden 1712 von diesem abgespalten. Jedenfalls beginnen Kietz' genealogische Forschungen zu den »Straßen­häusern in Volkmarsdorf« schon 1706. – Vermutlich wurden die Straßenhäuser bei Volkmarsdorf unter August Adolph von Thümmel angelegt, der 1705 das Rittergut Schönefeld und das Berggut Volkmars­dorf erbte.

Bezüglich der Grundherrschaft (Patrimonial­gerichte) liegen keine Informationen vor. Die spätere Bezeichnung »königliche Straßenhäuser« lässt nicht den Schluss zu, dass die Verwaltung ursprünglich direkt beim sächsischen Staat lag. Vielmehr schreibt Friccius 1843, dass zwar die Straßenhäuser bei Thonberg (an der heutigen Prager Straße) »königlich« genannt werden, die bei Volkmarsdorf aber »adelig«. Dies führt zur Ver­mutung, dass unsere Straßenhäuser dem Patrimonialgericht Volkmarsdorf unterstanden, dessen Gerichtsherren bis 1740 die adligen Familien von Thümmel, seitdem aber von Kleist waren. Erst im April 1855 trat Wilhelm Graf von Kleist vom Loß (1792–1860) die Gerichtsbarkeit über Volkmarsdorf (und die Straßenhäuser?) an den sächsi­schen Staat ab.

Für das Jahr 1778 werden 12 Häusler für die Straßen­häuser bei Volkmarsdorf genannt.

Eine Zählung vom 3. Juli 1832 weist für die Straßen­häuser 232 Einwohner in 13 Häusern aus.

Mit Einführung der sächsischen Landgemeindeordnung von 1838, die am 1. Mai 1839 in Kraft trat, wurden Volkmarsdorf und die Volkmarsdorfer Straßenhäuser zwei selbständige Landgemeinden im Amt Leipzig.

Das Adreßbuch sämmtlicher Einwohner… 1880 nennt für die Volkmarsdorfer Straßenhäuser die oben genannten 20 Häuser (Nr. 1…4, 5a, 5b, 5c, 6…11, 11a, 12…16) mit insgesamt 415 Einwohnern. Straßennamen gab es keine – die Häuser wurden einfach mit ihrer Nummer adressiert.


Hausnummern­änderung1) (Adreßbuch 1892)

Im Jahre 1882 wurden die Volkmarsdorfer Straßenhäuser in die Nachbar­gemeinde Neu­sellerhausen eingemeindet. Dabei wurden die Häuser der dortigen Hauptstraße zugeordnet, die aber schon von 1…20a nummeriert war. Deswegen erhielten die Häuser der Volk­marsdorfer Straßenhäuser (von Nord nach Süd) die neuen (wieder fortlaufenden) Nummern 52 (Schule) bis 72 (Ecke Hermann-Liebmann-Straße).

Am 1. Januar 1892 wurde die Gemeinde Neusellerhausen mit den Volkmarsdorfer Straßenhäusern in die Stadt Leipzig eingemeindet. Zunächst bildeten die Straßenhäuser noch eine eigene Gemarkung, die später aber nach Volkmarsdorf eingeflurt wurde. – Die Haupt­straße in Neusellerhausen wurde noch im Jahre 1892 zur Wurzner Straße gezogen, wobei erneut alle Hausnummern geändert werden mussten (vgl. Tabelle; hier wird nur der Abschnitt der Volkmarsdorfer Straßenhäuser gezeigt).

Die mangelnde Instandhaltung und Vernachlässigung dieses Straßen­zugs führte dazu, dass Ende der 1980er Jahre alle Gebäude der vormaligen Volkmarsdorfer Straßenhäuser unbewohnbar oder schon abgebrochen waren.

Seit 1992 gehört das ehemalige Gemeindegebiet zum Ortsteil Volkmarsdorf.

Der »Konzeptionelle Stadtteilplan Leipziger Osten« forderte 2002 für diesen Teil der Wurzner Straße die Anlage des Landschafts­raums »Dunkler Wald«, also eine dichte Bepflanzung mit Bäumen. Dies wurde von 2003 bis 2009 umgesetzt, so dass heute nichts mehr an die ursprüngliche Wohn­bebauung erinnert. Alle Grundstücke wurden durch die Stadt Leipzig aufgekauft, die alten Flurstück­grenzen waren aber im Jahr 2020 auf dem amtlichen Stadtplan noch erkennbar (Bildschirm­kopie).

Quellen

1) In der mittleren Spalte sind die alten Hausnummern bis 1882 genannt, in der linken Spalte die Nummern der Haupt­straße von Neu­sellerhausen von 1882 bis 1892, rechts die neuen Haus­nummern der Wurzner Straße ab 1892. Auf­fallend: das Grund­stück der Schule (alt 16, Haupt­straße 52) fehlt!
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